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Stressfrei kauen und genießen

18. August

Zahnschmerzen können öfter psychisch und nicht organisch bedingt sein. In solchen Fällen ist der Befund meistens unauffällig, die vorhandenen Zähne gesund, die Schleimhaut physiologisch also gut durchblutet.

Doch bei einer nicht geringen Anzahl dieser Patienten kann, als Folge von Stress eine verspannte Kaumuskulatur diagnostiziert werden, dass sie unbewusst versuchen, „die Zähne zusammenzubeißen“ oder sich durch unterschiedliche Probleme „durchzubeißen“.

Dann wird der Muskelschmerz oft auf die Zähne projiziert.

Um auf stressgeplagte Patienten besser eingehen zu können, habe ich eine Ausbildung in zahnärztlicher Hypnose absolviert.

„Jede Hypnose ist eigentlich eine Selbsthypnose, so sind persönliche Veränderungen während der Weiterbildung inhärent“. Und: „Die Problematiken, die Patienten ab sofort zur Behandlung mitbringen, werden sich grundlegend ändern!“ Das wurde uns zu Beginn der Weiterbildung prognostiziert.

Wie wahr diese Behauptung war, kann ich an einem Beispiel erörtern. Denn, ab dem Augenblick an dem ich die Ausbildung in Stuttgart begonnen habe, wurde ich mit neuen Situationen in der Praxis konfrontiert.
Stressgeplagte Patienten mit Myoarthropathien, Kiefergelenksbeschwerden, Zahnfleischerkrankungen sowie psychischen Problemen begannen sich vermehrt vorzustellen. Manche scheuten es nicht, einen langen Weg von bis zu 30 km in Kauf zu nehmen, nur um sich in unserer Praxis behandeln zu lassen.

So kam auch eine Frau P. (58 J.) zusammen mit ihrem Mann in unsere Praxis, um uns erstmal ihre gesamte Leidensgeschichte zu erzählen. Sie beschrieb präzise und mit Nachdruck ihre Odysse, die jetzt über fünf Jahre lang andauerte, und die sie von Zahnarzt zu Zahnarzt geführt hatte. Leider, erzählte sie weiter, war keine der von ihnen hergestellten Prothesen funktionstüchtig sondern wackelig, also zum Kauen, Sprechen und Wohlfühlen nicht geeignet. Öfters wird sie auch von heftigen Magenschmerzen geplagt, der Arzt konnte aber nichts Auffälliges diagnostizieren. Auch brannte der gesamte Mundraum seit dem Eingliedern des Zahnersatzes. Das Kauen damit war mühsam, der Speichelfluss vermehrt, die Patientin musste ständig schlucken.

Ihr Mann, der sie mit heftigem Kopfnicken während der gesamten Darbietung liebevoll unterstützte, holte aus einer Seitentasche seiner modern geschnittenen, braunen Lederjacke eine Plastiktüte hervor. Hier bewahrte er die Prothesen, mit denen seine unglückliche Frau nicht zurecht kam, auf.

“ Sie sind alle unbrauchbar!“ flüsterte er und machte eine grauenhafte Grimasse.

Körperliche und seelische Veränderungen im Leben, wie vorzeitiger Zahnverlust, familiäre Probleme sind Herausforderungen, die die betroffenen Patienten zwingen auf zahlreiche, liebgewonnene Routinen und Gewohnheiten zu verzichten. Sie müssen sich mit neuen Situationen so angenehm wie möglich arrangieren. Kommt Stress oder Mobbing am Arbeitsplatz noch hinzu, wird das gesamte Befinden zusätzlich beeinträchtigt.

So kann der Weg zur vollständigen Akzeptanz einer prothetischen Versorgung durch den Körper bei manchen Patienten lang, spannend aber auch voller Leid und Tücken sein.

Die Meisten kommen nach einer bestimmten Gewöhnungsphase mit dem vom Zahnarzt eingegliederten „Fremdkörper“ zurecht.

Solche Patienten verfügen über genügend energetische Ressourcen um den Zahnersatz dann quasi als „körpereigenes Gebilde“ zu akzeptieren und als solches zu integrieren.

Die o.g. Patientin wurde erstmal zum Hausarzt überwiesen, um das Vorhandensein einer systemischen Erkrankung auszuschließen. Nach dem Ausschluss wurde eine ausführliche Anamnese durchgeführt. So hat sich u.a. herausgestellt, dass sie aus Kasachstan stammte, seit 10 Jahren mit ihrem Mann, dem Sohn, dessen Frau und zwei Enkelkinder zusammen in Deutschland lebte. Sie vermisste ihr liebes Haus und den großen Garten aus der alten Heimat, sowie ihre Tochter und Enkel, die in Kasachstan geblieben waren.

Sie wurde mit Hypnose behandelt. Mit dem Ziel, ihre biografische Erfahrung als kräftigende Ressource zu erarbeiten um ihren persönlichen Blick auf die gesamte Situation zu verändern. Die Prothese wurde dem aktuellen Befund angepasst. Mit homöopathischer Begleitbehandlung, unendlicher Geduld und der aktiven Unterstützung ihrer Familie hat Frau P. schließlich gelernt, den „Fremdkörper“ zu akzeptieren. Kauübungen unterstützten die Intergration, so konnte sie ihre Lieblingsspeisen erneut schmecken und genießen!

Bei speziellen, nicht alltäglichen Symptomatiken im Mundbereich, wie auch bei Kaumuskelbeschwerden, Geschmacksveränderungen nach Eingliederung von Kronen oder Brücken, Kau- und Verdauungsproblematiken, bei vermehrtem Stress u.s.w. sollte man einen Zahnarzt aufsuchen, der über weitgehende Erfahrungen mit entsprechenden Beschwerden verfügt.